Brothers, Daedalus & Elphinstone
04. September 2025 • 5 Min. Lesezeit
„Rundum nur Wasser. Kein Land in Sicht. Hier im Roten Meer bin ich weit weg vom Alltag– ohne Handy, ohne Nachrichten, ohne Empfang. Dafür ganz nah an dem was wirklich zählt: An der Natur und den Menschen um mich herum. Ich lasse los, finde Ruhe und spüre, wie ich wieder bei mir selbst ankomme."
Die Sonne steigt über den Horizont. Seemann Ibrahim lenkt unser Boot als Erster hinaus aus dem Hafen von Port Ghalib. Ich kenne ihn – vier Jahre zuvor war ich schon mit der Blue Seas auf Tauchsafari. Jetzt beginnt das Abenteuer von Neuem: Das Abenteuer zu den Brothers, nach Daedalus und Elphinstone.
Abtauchen & Auftanken
Unser erster Halt ist das Riff Ras Trombi. Wir ankern und frühstücken in aller Ruhe, bevor das erste Tauchbriefing von Nina folgt. Sie gehört zu den erfahrensten Tauchlehrerinnen, die ich kenne. Seit über 20 Jahren sorgt sie dafür, dass Taucher aus aller Welt unvergessliche Momente an Bord der Blue Seas erleben. Unsere Gruppe zählt 20 Taucher, die internationaler kaum sein könnte: Ägypten, Argentinien, Frankreich, Finnland, Hawaii und viele mehr. So unterschiedlich wir auch sind, eines verbindet uns sofort: die Leidenschaft fürs Tauchen.
Während dem Check-Dive-Briefing, ziehen Delfine am Schiff vorbei. Neugierige Köpfe drücken sich an die großen Fenster des Hauptdecks, die Stimmung ist voller Vorfreude. Nach dem Sprung ins 30 Grad warme Wasser sind alle Strapazen der Anreise vergessen. Schon nach wenigen Minuten tauche ich in jene Welt ein, nach der ich mich so sehr gesehnt habe. Schwerelos und völlig im Flow gleite ich durchs Wasser und folge Nina, die uns die kommenden Tage durchs Rote Meer führen wird.
Zurück an Bord zaubert die Crew zum ersten Lunch ein Buffet, das keine Wünsche offen lässt: frischer Salat, cremiger Hummus, selbst gebackenes Brot, dazu vielfältige Beilagen mit Fleisch, Fisch und Desserts. In der Schiffsküche entstehen unter den Händen von Chefkoch Karam und seinen Helfern Ali und Mohamed Gerichte, die man auch in einem Sterne-Restaurant erwarten würde. Zu meiner Freude sehe ich im Salon zwei weitere vertraute Gesichter, Sayeed und Mahmoud, das eingespielte Service-Team der Blue Seas.
Das erste Kennenlernen der Mitreisenden hat immer seinen eigenen Zauber: Wer kommt woher, welche Erfahrungen bringt jeder mit? Für einige ist es die allererste Tauchsafari – ich bin gespannt auf ihre Eindrücke. Eines erahne ich jetzt schon: Nach dieser Reise wird es für sie wohl keinen gewöhnlichen Hotelurlaub mehr geben.
Little & Big Brother
In der Nacht setzten wir Kurs zu den Brothers, zwei der bekanntesten Außenriffe im Roten Meer. Pünktlich zum Sonnenaufgang leitet Sandra das Briefing für den Early Morning Dive. Die sympathische Schweizerin war einst Polizistin, bis sie 2019 ihre Leidenschaft fürs Tauchen zum Beruf machte. Was als dreimonatige Ausbildung zum Divemaster begann, wurde für sie zu einem völlig neuen Leben, eines, das sie bis heute erfüllt.
Unser Tauchgang beginnt an der Nordseite des Little Brothers, wo Wellen brechen und die Strömung Großfische anzieht. Kaum abgetaucht, traue ich meinen Augen nicht: Ein Weißspitzen-Hochseehai, auch Longimanus genannt, taucht innerhalb der ersten fünf Minuten auf und zieht neugierig seine Runden um uns. Überglücklich gleite ich weiter entlang der Riffkante, vorbei an bunten Korallen, einer Barrakudaschule und einem Napoleonfisch.
Nach dem Longimanus-Abenteuer fahren wir weiter zum Big Brother, dem großen Bruder. Auf der kargen Felseninsel mitten im Roten Meer steht ein kleiner Leuchtturm, den man über einen schmalen Steg erreicht. 1902 sank hier die Numidia, die heute als künstliches Riff unzählige Fische anlockt. Wir tauchen an der Südost-Seite entlang und erkunden das bewachsene Wrack. Der Bug liegt schon in 10 Metern Tiefe und reicht fast senkrecht bis über 80 Meter hinab. Ein beeindruckendes Schauspiel.
Nach dem Abendessen geht es für meinen besten Freund Ludwig, Math, Jorge und mich an die vorderste Spitze des Schiffs. Wir schnappen uns die Sitzsäcke und machen es uns bei Musik und ein paar Gläsern Wein und Bier gemütlich. Beeindruckt blicke ich zum Mond empor und lausche dem Rauschen des Meeres. Das Schiff schaukelt sanft über die Wellen, während Captain Magdy uns auf Kurs zum Daedalus-Riff bringt. Die zehnstündige Nachtüberfahrt beginnt – gefüllt mit Spannung und Vorfreude auf die Abenteuer der kommenden Tage.
"Into the Blue" am Daedalus Riff
„Good Morning & Welcome to Daedalus“ – mit diesen Worten weckt Nina alle aus ihren Kojen. Gespannt öffne ich die Tür und trete nach draußen an die Reling. Vor mir erstreckt sich ein gewaltiges Riff, auf dem erneut ein Leuchtturm steht. Ein langer Steg führt von der kleinen Plattform über das glitzernde Meer. Zwei weitere Schiffe von Blueplanet - die Blue und die Blue Storm - sind ebenfalls am Riff vertäut.
Noch bei Sonnenaufgang springen wir mit den Zodiacs über die Wellen und steuern die Nord-Ost-Seite des riesigen Riffs an. Kaum eingetaucht, befinden wir uns in etwa 30 Metern Tiefe – um uns herum nur Blauwasser. Mit dem Blick nach unten gerichtet, halte ich Ausschau nach Hammer- und Fuchshaien. Kurz darauf deutet jemand aus unserer Gruppe nach oben: In etwa 12 Metern Tiefe gleitet ein Mantarochen durch das Wasser. Wir steigen hinauf, um den majestätischen Riesen näher zu beobachten. Ehe er wieder im Blau verschwindet, taucht noch ein zweiter auf. Dieser scheint Gefallen an uns zu finden und gleitet mit uns entlang des Daedalus-Riffs. Die Leichtigkeit und Anmut in seiner Bewegung lässt sich kaum in Worte fassen. Zurück an Bord blicke ich in strahlende Gesichter – überwältigt von dem Spektakel, das wir gerade erlebt haben.
Die Nachmittagssonne steht hoch am Himmel. Perfektes Licht, um auf der Südost-Seite des Riffs, der Anemonen-City, zu tauchen. Zwischen ihren schwimmenden Bewohnern, den Clownfischen, tauchen wir vorbei an farbenprächtigen Weich- und Hartkorallen sowie beeindruckenden Überhängen. Ein besonders großer Korallenblock erinnert an einen riesigen Elefantenkopf, während sich einige Napoleonfische kurz zu uns gesellen. Ein weiterer faszinierender Moment in dieser lebendigen Unterwasserwelt.
Zwischen Manta- und Mond-Eklipse
Über eine wackelige Wendeltreppe steigen wir hinauf auf den Leuchtturm. Von hier oben ist der Blick auf den Horizont und die vor Anker liegenden Schiffe einfach atemberaubend. Zurück an Bord der Blue Seas liegt der Duft von Gegrilltem in der Luft. Auf dem Oberdeck bereitet die Crew ein Barbecue vor. Mitten im Roten Meer genieße ich ein perfekt gegrilltes Steak, frisches Gemüse und ein Glas gekühlten Weißweins. Langsam wird es dunkel. Am Himmel kündigt sich die Mondfinsternis an. Die Erde wirft ihren Schatten auf den zunehmenden Mond, während rundherum die Milchstraße immer klarer sichtbar wird. Ich staune und lasse den Blick über den Sternenhimmel schweifen. Solche Momente, hier mitten auf dem Meer, berühren mich tief. Ich spüre ganz deutlich: Ich bin genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.
Hello again, Elphinstone
Die nächtliche Überfahrt von Daedalus nach Elphinstone dauert etwa sieben Stunden.
Schon beim Briefing klingt es verheißungsvoll: Das Nord-Plateau am Elphinstone. Wir tauchen ab, gleiten tiefer – bis wir schließlich 35 Meter erreichen. Minutenlang schweben wir still im Blauwasser, gespannt, ob sich etwas zeigt. Dann, genau in dem Moment, als wir selbst umkehren wollen, entdecke ich sie: zwei Hammerhaie in der Ferne. Wie auf Kommando nähern sie sich majestätisch, bis auf kaum zehn Meter! Wir beobachten sie gebannt, ehe wir langsam wieder aufsteigen müssen. Hinter den Masken strahlen die Gesichter, doch der Tauchgang ist noch nicht vorbei: Plötzlich zieht eine Gruppe Großer Tümmler direkt an uns vorbei – verspielt, elegant. Was für ein Glücksmoment, was für ein Start in den Tag! Von der Reeling blicke ich noch einmal hinaus auf das Elphinstone Riff – oder, wie die Einheimischen sagen, Sha’ab Abu Hamra. Das so viel bedeutet wie „der rote Riff-Felsen“ – benannt nach den rötlichen Küstenformationen, die man von hier aus an Land erkennen kann.
Fast alle Boote lichten ihre Anker für die Weiterfahrt, doch wir entscheiden uns zu bleiben. Noch einmal tauchen wir am Nord-Plateau ab – diesmal ohne Hammerhai-Glück. Ohne die Haie wird mir erst richtig bewusst, wie mystisch das Plateau eigentlich ist. Nach einem letzten Blick darauf nehmen wir das Riff auf die linke Schulter und gleiten an seiner Westseite entlang. Die Nachmittagssonne fällt warm in die Korallen und taucht das Blauwasser in schimmerndes Licht. Das Riff zeigt sich vielfältig und bunt. Erneut dringen Klicklaute von allen Seiten an unsere Ohren. Dann taucht sie auf: eine große Gruppe Spinner-Delfine, verspielt, quirlig und voller Energie. Fast zu schnell zischen sie durchs Wasser, immer weiter hinaus ins Blau. Kurz bevor wir unser Boot erreichen, schwimmt noch einmal eine Mutter mit ihrem Babydelfin an uns vorbei.
Auf dem Oberdeck genießen wir erfrischende Getränke und Snacks im goldenen Licht der Abendsonne. Aus den Lautsprechern erklingt Bob Marley, während wir etwa eineinhalb Stunden zum nächsten Tauchplatz fahren. Unser Ziel ist die Bucht von Marsa Shona: flach, seegrasbewachsen und angenehm warm. Je näher wir der Bucht kommen, desto klarer zeichnet sich am Horizont das Festland ab. Auf der Küstenstraße in Richtung Sudan sind Autos zu erkennen.
Am Abend steht das Briefing für unseren vierten Tauchgang an – ein Nachttauchgang in Marsa Shona. Unter Wasser entdecken wir Sepien, mehrere Rotfeuerfische, Kofferfische und Shrimps. Kurz verlieren wir die Orientierung, doch mit einer einfachen „Turtle Navigation“ – Kopf aus dem Wasser, Lage checken, zurück zum Boot – finden wir sicher den Weg zurück. An Bord erzählt uns Sandra, dass eine Seekuh, auch Dugong genannt, unter das Boot geschwommen sei – leider unbemerkt von den Tauchern. Der Abend steht ganz im Zeichen orientalischer Köstlichkeiten: Rote-Linsensuppe, geschmortes Lamm mit Gemüse und Reis. Als krönenden Abschluss serviert der Chefkoch selbstgemachte Baklava. Danach fallen wir in die Sitzsäcke, blicken in die Sterne und schlafen schließlich auf dem Oberdeck in der ruhigen Bucht ein.
Zuhause in einer anderen Welt
Noch mit müden Augen sehe ich den Sonnenaufgang und werde langsam wach. Ein kühler Wind weht über das Oberdeck, es ist angenehm ruhig. Nur mit dem Leintuch zu schlafen hat sich in der Nacht als etwas zu frisch erwiesen. Bald weicht die Stille der Vorfreude auf das Tauchen – hoffentlich mit vielen Schildkröten. Marsa Shona ist bekannt für seine Grünen Meeresschildkröten. Morgens ruhen sie in ihren Höhlen, später zieht es sie hinaus zum Seegras in die Mitte der Bucht. Nach dem Frühstück steht unser letzter Tauchgang dieser Reise an. Wir tauchen an der Südwestseite und entdecken insgesamt sechs Schildkröten. Die friedlichen Riesen lassen sich kaum aus der Ruhe bringen: Manche grasen, andere schlafen oder schwimmen kurz an die Oberfläche, um Luft zu holen. Auch für mich wird es Zeit, wieder nach oben zu schwimmen. Bewusst nehme ich meinen letzten Atemzug unter Wasser, als Nina plötzlich auf eine siebte Schildkröte deutet – was für ein gebührender Abschied vom Roten Meer. Wehmütig steige ich die Leiter zurück aufs Schiff. Seemann Ali grinst und sagt „Mama Nina“, während er auf Nina zeigt, die gerade auftaucht. Ich muss schmunzeln. Als ich sie darauf anspreche, lächelt sie und erklärt: „Das sind meine Jungs. Manchmal muss ich sie zurechtweisen, dann lobe ich sie wieder. Ich muss mich auf sie verlassen können – und das tue ich.“ Genau dieser Zusammenhalt ist hier überall zu spüren: Die Crew der Blue Seas ist ein eingespieltes Team, vertraut wie eine Familie – ein zweites Zuhause auf dem Meer. Am Ende dieser Reise wird mir eines klar: Es sind die Menschen, mit denen man Erlebnisse teilt, die diese Reise unvergesslich machen.
Die Crew der Blue Seas:
Die B-D-E Route:

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